Bericht: Dschungelseminar in Peru
Integrale Medizin für ein Neues Jahrtausend: "Dschungeluniversitäten" der traditionellen Heilkunst in Peru

Ein Seminarbericht
Kaum eine halbe Autostunde und einen Kilometer Fußweg von der amazonischen Großstadt Iquitos entfernt, taucht unsere Seminargruppe in die feucht-schwüle Atmosphäre noch unberührten Regenwaldes ein. Neben der Strasse weist ein verbeultes Schild den Weg zu Sacha Mama, einem faszinierenden Projekt zur Wiederbelebung der traditionellen Medizin Perus. Nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO vor über 20 Jahren mit ihrem wegweisenden Programm The promotion and development of traditional medicine zur weltweiten Überprüfung, Förderung und praktischen Anwendung der traditionellen Medizinen aufgerufen hatte, wurden in vielen Ländern nationale Forschungsinstitute gegründet. Nicht nur aufgrund des unerhörten ethnischen Traditionsreichtums und seiner Heilpflanzenvielfalt in den Regionen des Andenhochlandes und des Regenwaldes entwickelte sich Peru zum Vorreiter einer auch psychospirituell offenen Gesundheitspolitik:

da über ein Drittel der Bevölkerung schon aus finanziellen Gründen- keinen Zugang zur westlichen Medizin hat, wurde die Rolle der "curanderos", die Erforschung und Anwendung von Heilpflanzen in den letzten Jahren systematisch vom Gesundheitsministerium gefördert.

Während ich wie andere Ethnotherapieforscher Gedankengänge und kulturelle Interpretationen von 'gesund' und 'krank' bislang von den Heilern mehr oder weniger mühsam erfragen musste, scheint mit Gründung von Sacha Mama (im Jahr 1990) und zahlreichen anderen ethnobotanischen Heilpflanzengärten in Peru eine neue Stufe der "Institutionalisierung" erreicht: Volksheiler werden nun zu Lehrern in eigenen "Dschungeluniversitäten". Mit dem von Sohn zu Vater oder vom selbstgewählten Lehrer zu Novizen weitergegebenen traditionellen Wissen stehen sie autonom neben den Einrichtungen der westlichen Medizin, Ärzte und Psychotherapeuten gehören zu ihren regelmässigen Schülern!

 

Eine "Dieta" als Vorbereitung
Nachdem wir in der Gästehütte unsere mit Moskitonetzen verhangenen "Betten" inspiziert hatten, gibt es erst einmal Frühstück, einen Fruchtsalat und Tee aus der Rinde des clavo-huasca-Baumes, der das Immunsystem stärkt. Zu Mittag bleibt es bei einer Nudelsuppe und das Abendessen soll ganz ausfallen: Vorbereitung des Körpers auf die gleich für die erste Nacht angesetzte ayahuasca-Sitzung. An den übrigen Tagen stehen morgens auch einmal Rühreier und Brot auf dem Tisch in der luftigen Versammlungshütte, mittags zartes Fleisch vom Dorado-Fisch, Reis und Gemüse, zwischendurch Limonade aus der camu-camu-Frucht (Myrciaria dubia). Diese 'Vitaminbombe' enthält 60 mal mehr Vitamin C wie die Orange und wächst an Sträuchern, die in den Überschwemmungszonen der Flüsse stehen. Während bis 1998 davon nur etwa 80 Tonnen für den einheimischen Verbrauch produziert wurden, sind aufgrund der Nachfrage aus Japan für das Jahr 2000 schon 1000 Tonnen angezielt.
Schon etwas runzlig, fallen mir bei der Vorstellungsrunde die Gesichtszüge von Don Ruperto auf. Er ist der maestro von Sacha Mama und verantwortlich für die ayahuasca-Sitzungen, während deren Francisco dann Musse hat, für jeden Teilnehmer Visionen seines "Schutzgeistes" (arcana) zu entwickeln, die er auf Wunsch auch in Gemälde umsetzt. Ruperto hat unten am Fluss,wo die Reinigungsrituale vor den ayahuasca-Sitzungen stattfinden, eine eigene Hütte, wo er Pfeifen schnitzt und das stundenlange Kochen des ayahuasca überwacht.

Tabak, Blütendüfte, Lehm

Am frühen Nachmittag geht es dann durch eine dichte Vegetation hinab zu einem paradiesisch gelegenen Fluss, der uns in den nächsten Tagen zur 'Morgentoilette' dient. Auf einer Lichtung nehmen wir dort als weitere Vorbereitung ein zeremonielles "Blütenbad". Wie bei jedem Ritual, so unterzieht Francisco auch den Krug mit dem Wasser zuerst einer Räucherung. Der Gebrauch von Tabak diente den südamerikanischen Indianern seit alters als heilige Substanz mit welcher der Körper gereinigt und gegen negative Einflüsse "versiegelt" wird.

 

Nach dieser Weihung ergießt sich aus einer Schale das herrlich duftende Wasser über uns, in das zuvor stark aromatische Blüten eingelegt worden waren. Je länger diese Blüten dann auf den nackten Körpern haften bleiben, desto besser sollen die nächtlichen Visionen werden. Zunächst aber steigen wir wieder hinauf zu der abseits gelegenen Zeremonial-Hütte in der Bänke aufgestellt sind und ein weiterer Ritus mit Parfümen folgt; Francisco erklärt dann die verschiedenen Objekte, die er als "medizinische Instrumente" bezeichnet und die vorne auf einem altarähnlichen Tisch liegen: da ist eine Flasche mit dem ayahuasca, eine ocarina-Flöte, mit der entflohene Seelen 'zurückgerufen' werden, ein steinernes Haupt mit Jaguarzähnen, ein schwarzer Stein, um "negative Energien" aus dem Körper zu holen, zwei weitere Steine für "spirituelle Schnitte" und die chacapa, eine Rassel aus Blättern, die als Rhythmusinstrument und zum Abstreifen des Körpers während der nächtlichen Zeremonien Verwendung findet.
Nach einem Betupfen des Kopfes und Oberkörpers mit einer betörend duftenden Pflanzenmischung, bei der wir den schwarzen Stein in Händen halten sollten, macht sich Don Ruperto daran, für jeden Teilnehmer einen icaro zu singen, während er die chacapa betätigt. Auf diese Weise werden wir für das nächtliche Szenario vorbereitet, bei dem diese Handlungen dann nicht mehr so fremd erscheinen.


Die große "Reinigung"
Nach Einbruch der Dunkelheit und einer Ruhepause ist es dann soweit, - wir ziehen hinüber zur Zeremonialhütte und nehmen Platz. Als innere Vorbereitung sollten wir uns eine Frage stellen, die ayahuasca beantworten würde. Don Ruperto sitzt zunächst lange über die Flasche mit ayahuasca gebeugt und besingt den Inhalt. Dann wird jeder aufgerufen und erhält eine Kürbisschale mit der bitter schmeckenden Flüssigkeit. Etwa eine halbe Stunde dauert das Schweigen, dann beginnen sich die ersten mehr oder weniger lautstark zu übergeben, Zeichen dafür, dass wir uns zuerst von einer Menge persönlichen und zivilisatorischen Unrates trennen müssen. Die Mischung war absichtlich schwach dosiert, so dass manche ausser Farbmustern in dieser Nacht keine oder wenige Visionen hatten, wie sich bei der Mitteilungsrunde am nächsten Morgen herausstellt.Bei Markus stellten sich z.B. Bauchschmerzen ein, er sah nur geometrische Figuren, von der Ferne einen Zug vorbeifahren und wartete auf den 'Kick'. Francisco bemerkte dazu, er habe über ihm eine Hand gesehen, die etwas heraus zieht und wegwirft. Er habe noch Blockaden im Magen, das nächste Mal würde er Visionen erleben. Lothar hatte sich etwa fünfmal recht lautstark übergeben ("Da war doch einer, den hat man sicher bis Iquitos gehört"!), was Francisco als besonders wirkungsvoll und als nachahmenswertes Beispiel lobte. Ihm war eine schwarzmagische, schwarze Tafel mit unleserlicher Schrift erschienen, Puppen- und Modellhäuser.


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